- 29. Aug
Warum du nicht einfach nach einem Glas Wein aufhören kannst - und das okay ist
- Vlada Mättig
- Lifestyle & Nüchternheit
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Freitagabend, du sitzt mit deiner besten Freundin in einem italienischen Restaurant, das Licht ist gedimmt, elegante Kerzen stehen auf dem Tisch. Deine Freundin bestellt ein Glas Rotwein. Über die nächsten drei Stunden nippt sie zufrieden und tief entspannt zwei- bis dreimal daran, lässt die Hälfte im Glas stehen und bestellt sich danach, völlig beiläufig, ein Glas stilles Wasser. Später, beim Dessert, hält ihr der Kellner die Rotweinflasche mit einem fragenden Blick über ihr Weinglas – sie legt die Hand kurz darüber und sagt mühelos und in aller Seelenruhe: "Für mich heute nicht mehr, danke."
Du bist einerseits total fasziniert von ihrem Verhalten, auf der anderen Seite macht es dich wütend. Du sitzt ihr gegenüber, dein eigenes Glas hast du längst ausgetrunken, und fixierst angespannt den Füllstand ihres Weins. Du bist nervös, in dir steigt ein unangenehmes Druckgefühl auf, und du fragst dich: Wie macht sie das bloß? Wie kann sie den Großteil des Weins einfach stehen lassen? Und warum ist das für mich einfach nicht möglich?
Stell dir für einen Moment vor, es gäbe eine innere Stimme, deren einziger Job es ist, dir auf genau diese Frage immer wieder die falsche Antwort zu liefern. Sie sagt: "Sie kann sich eben besser kontrollieren und hat mehr Selbstbeherrschung als du." Und was diese Stimme damit eigentlich tut: Sie degradiert deine Persönlichkeit. Weil du glaubst, etwas "so Einfaches" wie weniger Wein trinken nicht zu können, gibt dir diese Stimme einen vermeintlich triftigen Grund, dich dafür zu schämen. Dabei bleibt die eigentliche Wahrheit davon völlig unberührt: Du vergleichst dich mit einem Menschen, der ein vollkommen anderes Spiel spielt – mit völlig anderen Spielregeln.
Du glaubst, mit dir stimmt etwas nicht, weil du doch einfach weniger trinken können müsstest. Ich möchte dir zeigen, warum das für dich nicht möglich ist und warum das nichts mit deiner Persönlichkeit zu tun hat. Es gibt fünf ziemlich gute Gründe, warum du anders trinkst als deine beste Freundin. Dein innerer Kritiker hält dich mit ihnen im Glauben, dass moderates Trinken eine Fähigkeit sei, die du dir nur fest genug vornehmen musst. Hier sind sie – und was tatsächlich dahintersteckt.
1. Ihr trinkt aus völlig unterschiedlichen Gründen
Deine Freundin trinkt Wein, weil sie Lust auf den Geschmack hat. Sie verbindet nichts Emotionales damit. Der Wein ist ihr im Grunde gar nicht wichtig. Ob er serviert wird oder nicht, spielt für sie keine große Rolle. Sie hat keinerlei emotionale Verbindung zu diesem Getränk. Selbst wenn sie ihn nicht trinken würde, würde das nichts an der Qualität des Abends ändern.
Für dich hängt alles davon ab: wie der Abend wird, ob du entspannen kannst, ob du witzig sein kannst, ob du tiefgründige Gespräche führen kannst. Gibt es keinen Alkohol, macht das etwas Starkes mit dir. Dein inneres Befinden hängt davon ab, ob Wein verfügbar ist oder nicht. Ist er es nicht, hast du das Gefühl, die Qualität des Abends leidet darunter – du bist angespannter, nervöser, kannst schwerer loslassen und hast unterm Strich weniger Spaß als mit Alkohol. Du gehst lieber in ein Restaurant, in dem Alkohol garantiert zugänglich ist. Ein Abend ohne Alkohol ergibt für dich keinen Sinn und fühlt sich trostlos an.
Du trinkst ihn, weil du aus einem inneren Zustand aussteigen willst, den du sonst kaum noch aushalten kannst. Sie trinkt ein Glas Rotwein, weil sie gerade einfach Lust darauf hat. Du trinkst ihn, um innerlich für Erleichterung zu sorgen. Von außen sieht es identisch aus. Innen passiert etwas fundamental anderes: Alkohol erfüllt für deine emotionale Welt eine ganz andere Funktion als für ihre.
2. Du beginnst die Tage zu zählen, bis du wieder Alkohol trinken kannst
Was du bei deiner Freundin siehst, sind zehn Minuten eines Abends. Was du bei dir selbst übersiehst: Du steuerst innerlich schon ab Mittwoch auf den Freitagabend zu. Weil du dir in regelmäßigen Abständen Trinkregeln auferlegst, um deinen Alkoholkonsum irgendwie zu kontrollieren und trotzdem weiterhin trinken zu können, hast du dir für die Woche feste Regeln gesetzt. Unter der Woche hast du dir vielleicht vorgenommen, nichts zu trinken. Aber an deinem Wunsch zu trinken, an dem Verlangen und daran, was der Wein für dich tut, hat sich dadurch nichts verändert. Das heißt: Du zählst sehnsüchtig die Tage, bis du endlich wieder trinken kannst.
Während deine Freundin keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, ob sie am kommenden Freitag Wein trinken wird oder nicht, steigt in dir die Vorfreude darauf, endlich wieder trinken zu können. Mittwochmittag, mitten in einem Meeting, taucht der Gedanke spontan in deinem Kopf auf: Nur noch zwei Tage. Donnerstagabend liegst du im Bett und stellst dir schon vor, wie das wohlig-warme Gefühl des ersten Schlucks vollmundigem Rotwein deine Kehle hinunterläuft und deinen Bauchraum mit Wärme füllt. Du freust dich darauf, weil du endlich wieder dieses Gefühl in dir erzeugen willst. Du willst angetrunken sein. Du freust dich nicht auf den Geschmack. Nein, du freust dich auf die Wirkung.
Bis dahin hältst du durch, reißt dich zusammen, funktionierst, organisierst – bis der Korken endlich knallt. Deine Freundin hingegen führt keine Buchhaltung darüber, ob, wie viel und wann sie trinkt. Sie denkt in ihrem Alltag einfach nicht über Alkohol nach. Du hingegen verhandelst permanent mit dir selbst, tagelang, ohne dass es jemand merkt.
3. Trinkregeln funktionieren bei dir nicht - und das weißt du auch
"Nur am Wochenende." "Nur zwei Gläser." "Nie unter der Woche." "Nur im Urlaub." Dir ist schon ziemlich lange klar, dass dein Trinken aus dem Ruder läuft. Du weißt, dass du mehr trinkst, als du eigentlich willst. Dir ist bewusst, dass der Alkohol ziemlich viel Platz in deiner Gedankenwelt einnimmt. Und du weißt, dass du diese Regeln selten bis nie wirklich einhalten kannst. Immer wieder kommt etwas Unvorhergesehenes dazwischen. Immer wieder gibt es Ausnahmen und gute Gründe, um wieder zu trinken.
Du erinnerst dich noch an den letzten Dienstagabend, an dem du deine eigenen Regeln brechen musstest – auf der Arbeit war es einfach anstrengend, dein Chef ging dir auf die Nerven, du warst total unkonzentriert, hast dich ungerecht behandelt gefühlt. Völlig ausgebrannt bist du nach Feierabend nach Hause gekommen und konntest nicht anders, als zu trinken. Und jedes Mal, wenn du eine Regel brichst, fragst du dich erneut: Was stimmt nicht mit mir? Warum funktioniert das bei mir einfach nicht?
Die Antwort ist unbequem einfach: Frauen, die wirklich moderat trinken können, müssen ihr Trinken nicht kontrollieren. Ihnen ist Alkohol egal. Psychisch abhängig zu sein bedeutet, dass du den Alkohol nicht mehr einfach so weglassen kannst. Er ist dir eben nicht mehr egal. Er tut etwas für dich, und du benutzt ihn, um deine Gefühlszustände zu managen: Ich will loslassen – ich trinke. Ich will einen schönen Abend mit Freunden mit tiefen Gesprächen – ich trinke. Ich bin nach der Arbeit total müde und aufgewühlt – ich trinke. Ich hatte einen Streit mit meinem Partner – ich trinke.
Deine beste Freundin zählt nicht die leeren Gläser, die sie getrunken hat, und schämt sich nicht dafür. Sie überlegt dienstags nicht, ob sie sich freitags endlich mal wieder einen Aperol gönnen kann – weil der Stoff in ihrem System schlichtweg keine Funktion übernimmt. Sie steht ihrem Trinken neutral gegenüber. Dir hingegen bedeutet dein Trinken etwas. Es hilft dir. Du benutzt es, um dich selbst zu managen.
4. Deine Selbstbeherrschung gegenüber Alkohol macht deinen Wunsch zu trinken erst richtig stark
Versuche jetzt einmal, für zehn Sekunden absolut nicht an eine weiße Maus zu denken. Streng dich richtig an und denke jetzt bloß nicht an eine weiße Maus. Woran musstest du zwangsläufig denken? Genau. Jede Trinkregel, die du dir auferlegst, zwingt dein Gehirn dazu, sich pausenlos mit dem zu beschäftigen, was du eigentlich vermeiden willst. Je mehr du versuchst, dein Trinken zu kontrollieren, desto größer wird der Alkohol in deinem Kopf. Die Kontrolle deiner Gedanken lässt in dir einen immensen Druck entstehen, und dieser Druck befeuert systematisch den Wunsch zu trinken. Dieses Muster ist auch als Rebound-Effekt der Gedankenunterdrückung bekannt: Der bewusste Versuch, einen Gedanken zu verdrängen, macht ihn im Kopf paradoxerweise präsenter, nicht seltener.
5. Du verwechselst Alkoholverzicht mit innerem Frieden
Du glaubst, dein Ziel sei es, moderat zu trinken und damit den Alkohol wieder kontrollieren zu können. Du willst quasi zurück an den Anfang, als du noch nicht über deinen Alkoholkonsum nachdenken musstest. Du glaubst, wenn du es schaffst, den Alkohol wieder zu kontrollieren, kannst du weiter trinken. Dein Wunsch ist im Grunde, weiter trinken zu können – nur ohne die anstrengenden Konsequenzen, die du mittlerweile spürst. Das hat aber nichts mit innerer Freiheit zu tun.
Du wirst den Punkt nicht erreichen, den deine beste Freundin nie überschritten hat. Du kannst nicht dazu kommen, dass Alkohol keine emotionale Bedeutung mehr für dich hat, solange du weiter versuchst, ihn zu kontrollieren. Innere Freiheit entsteht, wenn du den Alkohol in deinem Leben nicht mehr brauchst. Dein eigentliches Ziel ist nämlich innerer Frieden. Doch der ständige Versuch, moderat trinken zu können, führt dich genau in die entgegengesetzte Richtung: Du beobachtest dich selbst, verurteilst dich, legst Regeln fest, die du dann sowieso wieder brichst. Dein Selbstwertgefühl und dein Vertrauen in dich selbst leiden massiv darunter. Du verhandelst jeden Abend aufs Neue, führst Buch darüber, und deine Gedanken kreisen rund um die Uhr um eine einzige, zermürbende Frage: Trinke ich heute, oder trinke ich nicht?
Warum "einfach mehr anstrengen" beim Alkohoverzicht nicht funktioniert
Du glaubst, du müsstest dich einfach mehr anstrengen. Das klingt nach gesundem Menschenverstand – und trotzdem funktioniert genau das nicht, weil es dir vermittelt, du müsstest nur lernen, ein Nervengift zu "dosieren", von dem du psychisch schon längst abhängig bist, statt den eigentlichen Mechanismus dahinter zu durchschauen.
Was tatsächlich funktioniert
Es gibt einen Weg, bei dem Alkohol nicht durch Verbote und Regeln verschwindet, sondern weil er seine Bedeutung für dich von allein verliert. Du musst dich nicht mehr anstrengen oder die Zähne am Weinregal im Supermarkt zusammenbeißen. Es geht darum, dass Alkohol in deinem Alltag an Bedeutung verliert – und dafür braucht es zwei Dinge: Erstens zu verstehen, wozu du ihn eigentlich benutzt (welche Funktion übernimmt er in deinem emotionalen Haushalt, die er bei deiner Freundin nie übernehmen musste?). Und zweitens, wie du ihn tatsächlich loslassen lernst, statt ihn nur zu unterdrücken – und dich dabei sogar besser fühlst, nicht beraubt.
Genau hier setzt meine Einzelbegleitung an. Wir arbeiten zunächst gemeinsam heraus, welche der fünf oben beschriebenen Muster bei dir am stärksten wirken – bei jeder Frau ist die Gewichtung anders, und genau deshalb funktioniert eine allgemeine "trink doch einfach weniger"-Anleitung nicht. Danach geht es an die eigentliche Arbeit: Wir stehen in echtem Kontakt miteinander, nicht nur einmal pro Woche in einem Call, sondern genau dann, wenn es darauf ankommt. Wenn am Mittwochmittag der erste Gedanke an Freitag auftaucht, wenn der Druck sich wie an jenem Dienstagabend aufbaut, meldest du dich bei mir – in genau diesem Moment, nicht danach. Wir gehen gemeinsam durch die Situation: Was genau passiert gerade in dir? Welche Funktion soll der Alkohol jetzt übernehmen? Und was könntest du stattdessen tun, während der Impuls noch da ist?
Mit jedem Mal, das du einen dieser Momente anders durchlebst, verliert Alkohol ein Stück seiner emotionalen Bedeutung – bis er irgendwann tatsächlich das wird, was er für deine Freundin schon immer war: nebensächlich. Ich arbeite bewusst nur mit einer sehr begrenzten Anzahl an Frauen gleichzeitig, ohne Gruppe, ohne Community. Ein maßgeschneidertes Programm, das sich deinem Leben anpasst, sodass du das Beste für dich herausholen kannst. Ich biete dir maximale Tiefe, absolute Diskretion und die Begleitung, die du brauchst, um dich innerlich neu auszurichten, statt weiter zu versuchen, Alkohol zu kontrollieren.
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