- 25. Jul
Bin ich Alkoholikerin? Warum diese Frage die falsche ist.
- Vlada Mättig
- Lifestyle & Nüchternheit
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Du willst nicht wissen, ob du schon Alkoholikerin bist. Du willst eigentlich wissen, wie du deinen Umgang mit Alkohol verändern kannst.
Es ist zwei Uhr nachts, und du liegst wieder mal wach in deinem Bett, während neben dir auf dem Nachttisch ein halb leeres Glas Weißwein steht, das du gestern Abend eigentlich gar nicht erst trinken wolltest. Dann hast du dir vorgenommen, nur ein einziges Glas davon zu trinken. Daraus wurde wieder einmal nichts. Die Flasche ist dreiviertel leer und steht als Mahnmal auf dem Küchentisch. Wenn du morgens in die Küche kommst, ist sie die sofortige Erinnerung daran, was für dich längst nicht mehr möglich ist: dein Trinken zu kontrollieren.
Es ist noch dunkel, und du nimmst das Handy in deine Hand. Der Bildschirm ist gedimmt, damit dein Mann neben dir nicht zufällig aufwacht und sieht, was du gerade tust. Du tippst dieselbe Frage, die du in den letzten Monaten schon unzählige Male in dein Smartphone eingetippt hast, mit einer Mischung aus Verzweiflung und Not in die Suchleiste: „Bin ich Alkoholikerin?"
Du machst einen der Tests, die zwangsläufig dabei aufploppen. Du schiebst die Regler hin und her, manchmal ein bisschen zu vorsichtig, manchmal ein bisschen zu ehrlich, bis das Ergebnis irgendwo im gelb-grünen Bereich landet – nicht beruhigend genug, um die Frage endgültig über Bord zu werfen, aber auch nicht alarmierend genug, um ab morgen wirklich etwas zu verändern. Du willst ja schließlich weiter trinken. Das ist ja dein eigentlicher Wunsch. Du willst kein Problem mit Alkohol haben. Du willst ihn problemlos trinken können. Du schließt den Tab, liegst noch eine Weile mit dieser diffusen Angst wach und schläfst irgendwann ein.
Ich kenne eine Frau, die genau das jahrelang jeden Sonntagabend getan hat. Nennen wir sie Laura. Mitte vierzig, Teamleiterin in einem Konzern, verantwortlich für ein Millionenbudget und ein Team, das zu ihr aufschaut, weil sie bei jedem Problem die richtige Lösung parat hat. Sie ist außerdem Mama. Vielbeschäftigt, der Alltag durchgetaktet. Tagsüber trifft sie Entscheidungen und leitet Projekte, an denen andere verzweifeln würden, ohne mit der Wimper zu zucken. Am Ende der Woche wird der Druck in ihr so groß, dass sie das Gefühl hat, keine andere Wahl mehr zu haben, als sich eine Flasche Wein zu öffnen. Sie hat sich nie in eine Selbsthilfegruppe gesetzt und wird es wahrscheinlich auch nie tun. Nicht, weil sie innerlich nicht leidet oder die Menschen dort verachtet. Sondern weil sie sich dort (noch) nicht sieht. Außerdem will sie in ihrer Position nicht erkannt werden.
Was mich an diesem nächtlichen Ritual – dem Googeln, dem Testen, dem Nicht-ganz-Glauben-Wollen – am meisten interessiert, ist nicht die Frage selbst, sondern das, was du eigentlich tust, während du sie dir stellst. Du prüfst nicht wirklich, ob das Ergebnis auf dich zutrifft. Was du willst, ist der Beweis dafür, dass mit dir noch alles stimmt. Du kannst nämlich selbst noch nicht ganz glauben, dass du wirklich ein Problem mit Alkohol hast. Du testest dich auf dieselbe Weise, wie du es tun würdest, wenn dir jemand eine Tasche anbietet, von der du nicht sicher bist, ob sie eine echte Birkin ist oder eine außergewöhnlich gute Fälschung. Du drehst sie im Licht. Du suchst die Naht, die verrät, ob das, was du in der Hand hältst, wirklich das ist, was es zu sein vorgibt. Bei einer Tasche gibt es dafür ein Echtheitszertifikat, eine Seriennummer, einen Experten, den du fragen kannst. Bei deinem eigenen Trinkverhalten gibt es nichts davon – nur ein Spektrum, auf dem ein einzelnes Wort entweder vollständig zutrifft oder überhaupt nicht, mit keinerlei Raum für das, was du in Wahrheit gerade erlebst.
Warum die Frage „Bin ich Alkoholikerin?" selbst schon die Antwort ist
Diese Tests von wegen „Finde heraus, welcher Trinktyp du bist" sollen dich letztendlich in eine Kategorie schieben. Finde heraus, ob du „schlimm genug" bist, um dir Hilfe zu holen, um dich ernst zu nehmen, um überhaupt etwas zu verändern. Ich möchte dir eine andere Perspektive anbieten, die ich in dieser Form bisher nirgends gelesen habe: Die Tatsache, dass du seit Monaten, vielleicht seit Jahren, diese Frage prüfst, ist bereits die vollständige Information, die du brauchst. Kein Mensch, dem sein Konsum wirklich gleichgültig ist, verbringt Nächte damit, ihn immer wieder zu analysieren, zu relativieren, neu zu bewerten und infrage zu stellen. Das ist das erste wichtige Indiz.
Ich denke dabei an eine andere Klientin, nennen wir sie Carola. Beruflich beratend tätig, mit jahrelanger Therapieerfahrung, belesen in Psychologie und Achtsamkeit – eine Frau, die eigentlich alle Werkzeuge haben müsste, um sich selbst zu durchschauen. Und genau das war ihr Problem: Sie hatte so viel gelesen, so viel reflektiert, so viele eigene Gedanken hinterfragt und analysiert, dass sie glaubte, das ständige Analysieren ihres Trinkverhaltens sei der Weg zur Lösung. Es war nicht der Weg. Es war das eigentliche Problem. Erst als sie aufhörte, ihr Trinken zu bewerten, und anfing, etwas anderes zu tun, veränderte sich etwas.
Diese ständige, wiederkehrende Überprüfung deines eigenen Trinkstatus ist der letzte, hartnäckige Rest eines inneren Zustandes, der sich weigert, sich mit einem inneren Erleben abzufinden, das eigentlich längst nicht mehr zu dir passt. Menschen, denen ihr Verhalten wirklich egal ist, überprüfen es nicht. Sie trinken einfach weiter, ohne eine Sekunde daran zu verschwenden. Menschen, die kein Problem mit Alkohol haben, denken nicht permanent über Alkohol nach. Sie fragen sich nicht, ob sie schon ein Problem haben. Sie müssen sich auch nicht dazu zwingen, Trinkregeln einzuhalten. Es ist auch nicht anstrengend für sie, ihr Trinken zu kontrollieren. Sie können einmal im Quartal mit ihrer Freundin in ein schickes Restaurant gehen, ein Glas hochwertigen Wein bestellen, ein Viertel davon trinken und den Rest stehen lassen. Einfach so. Dass du das nicht kannst, ist kein Defizit. Es ist der Beweis, dass ein Teil von dir längst weiß, wohin die Reise gehen soll – auch wenn der Rest von dir sich noch dagegen sträubt.
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Du suchst kein Label, du suchst eine Entscheidung, die dir niemand abnehmen kann
Ein Label ist immer etwas, das dir von außen verliehen wird – ein Test, eine Diagnose, eine Gruppe von Menschen, die dir mitteilt, wer du ab sofort bist und wie du dich entsprechend zu verhalten hast. Was du eigentlich suchst, wenn du dir nachts diese Frage stellst, ist etwas grundlegend anderes: die Freiheit, eine Entscheidung für dich zu treffen, ohne sie vor irgendjemandem – auch nicht vor dir selbst – rechtfertigen zu müssen. Du willst die Freiheit über dein Trinken haben.
Ich erinnere mich an eine Klientin, die das Familienunternehmen übernommen hatte. Empathisch, perfektionistisch, für ihre Mitarbeiter rund um die Uhr erreichbar, selbst im Urlaub. Sie hatte über Jahre gelernt, für alle anderen die Verantwortung zu tragen – nur nicht für sich selbst. Als sie irgendwann aufhörte zu trinken, tat sie es nicht, weil ein Test ihr gezeigt hat, dass sie Alkoholikerin ist. Sie tat es an einem gewöhnlichen Dienstag, weil sie es leid war, auf eine Erlaubnis zu warten, die ohnehin nie von außen gekommen wäre. Sie hat eine Entscheidung getroffen, meine Begleitung gebucht und ist seitdem nüchtern. Sie musste sich kein Label geben, das ihr erlaubte, sich Unterstützung zu suchen.
Niemand verlangt von einer Frau, die keinen Kabeljau mag, eine ärztliche Bescheinigung, bevor sie ablehnt, welchen serviert zu bekommen. Du brauchst ebenso wenig ein offizielles Zertifikat, um zu sagen: Das hier fühlt sich nicht mehr gut an. Das gehört nicht mehr zu meinem Leben. Die Erlaubnis, die du die ganze Zeit von außen suchst, kannst du dir in demselben Moment selbst geben, in dem du aufhörst, sie zu suchen – denn du weißt, dass du dein Trinken nicht kontrollieren kannst. Das ist ein Fakt. Und statt eine Lösung dafür zu finden, wie du lernst, den Alkohol zu kontrollieren, findest du besser einen Weg, dein Leben wieder zu genießen. Der Alkohol kontrolliert dich. Unabhängig wirst du, indem du lernst, ihn gar nicht mehr zu wollen.
Die Grauzone beim Alkoholkonsum: Warum sie nie benannt wurde
Zwischen „ich trinke ganz normal mit" und „ich bin eine Alkoholikerin am Abgrund" liegt ein enormer Raum, für den unsere Sprache bezeichnenderweise kein eigenes Wort bereithält. Das ist kein Zufall und keine sprachliche Lücke, die einfach übersehen wurde. Ein System, das auf konstantem, „moderatem" Konsum aufgebaut ist – du sollst ja schließlich verantwortungsbewusst trinken – von der Alkoholindustrie bis zur gesellschaftlichen Erwartung, beim kollektiven Besäufnis mitzuhalten, hat kein wirtschaftliches oder soziales Interesse daran, dass du diesen Zwischenraum benennst und dann womöglich auch noch infrage stellst. Schließlich geht es um Geld. Es ist der blinde Fleck unserer Gesellschaft, der dazu führt, dass wir weiterhin in Kategorien denken, Menschen zum Problem machen, Stigma fördern, anstatt die Substanz an sich infrage zu stellen. Nicht den Menschen – sondern die Droge und den gesellschaftlichen Umgang mit ihr.
Genau in dieser Grauzone leben die meisten Frauen, die zu mir finden. Sie sitzen nicht in Kliniken. Sie sitzen in Vorstandssitzungen, Elternabenden, Netzwerktreffen. Von außen fällt nichts auf. Innerlich läuft dieselbe anstrengende Verhandlung jeden Abend neu: nur ein Glas, nur die halbe Flasche, ein paar Tage Pause, die immer wieder von einem Wochenende oder einem Anlass durchbrochen werden. Benannte Probleme werden irgendwann gelöst. Unbenannte Zustände werden stillschweigend hingenommen, Jahr für Jahr, ohne dass jemand eingreift.
Du warst nie das Problem
Denk einmal ehrlich darüber nach, wie viel Energie, Organisationstalent und Durchhaltevermögen du in den letzten Jahren aufgebracht hast, um dein Trinken zu timen, zu rechtfertigen, vor anderen zu kaschieren und am nächsten Morgen trotz Erschöpfung trotzdem zu funktionieren. Das ist keine kleine Leistung. Das ist ein beachtliches, fast schon bewundernswertes Organisationstalent – nur dass es die ganze Zeit gegen dich selbst gerichtet war, statt für dich zu arbeiten.
Ich denke an mich selbst in dieser Zeit zurück. Ich bin zum Job gefahren, habe Reisen organisiert, ein Leben aufrechterhalten, das nach außen ziemlich lebenswert wirkte – während ich innerlich jeden Abend gegen eine Wand fuhr, mit einer Präzision und Ausdauer, die, richtig eingesetzt, alles hätte verändern können. Die Frage war nie, ob ich stark genug bin. Ich hatte es längst bewiesen. Die eigentliche Frage war, was passiert, wenn ich diese Stärke einmal für das einsetze, was ich wirklich will, statt für das, was mich Nacht für Nacht wachhält.
Der eigentliche Punkt
Du wirst die Antwort auf deine Frage nicht um zwei Uhr nachts auf Google finden. Du kennst sie schon. Sobald du aufhörst, die Antwort von außen zu erwarten, kann sich etwas verändern. Die einzige Frage, die am Ende wirklich zählt, lautet: Erlaubt dir dein derzeitiger Konsum das Leben zu führen, das du eigentlich führen willst? Wenn die ehrliche Antwort Nein ist, brauchst du keinen Test, der dir bestätigt, dass du ein Alkoholproblem hast. Du kannst endlich beginnen, dein Problem gezielt zu lösen und aufzuhören, dein Leben vom Alkohol bestimmen zu lassen. Das ist der Weg zurück zu deiner Würde – der wahre Luxus, den du dir selbst geben kannst.
Genau dafür begleite ich Frauen: Veränderung in deinem Tempo. Gezielt, nachhaltig und ohne dich weiterhin betäuben zu müssen.